Die private Altersvorsorge in Deutschland steht vor einem großen Umbruch: Ab dem 1. Januar 2027 startet mit dem Altersvorsorgedepot ein neues, staatlich gefördertes Vorsorgeprodukt, das die Riester-Rente als neu abschließbares Produkt ablöst. Es setzt stärker auf Kapitalmarktanlagen und weniger auf Garantien. Was genau sich hinter dem neuen Modell verbirgt, wie es sich von der Riester-Rente unterscheidet und für wen welches Produkt passen kann, erfahren Sie in diesem Beitrag.
Warum überhaupt eine neue Altersvorsorge?
Die gesetzliche Rente gerät durch den demografischen Wandel zunehmend unter Druck – die Rentenlücke wird für viele Menschen größer. Die Riester-Rente wurde seit ihrer Einführung sehr breit vertrieben und hat vielen Sparerinnen und Sparern über Jahre verlässlich beim Vermögensaufbau fürs Alter geholfen. Zugleich hat sich in der öffentlichen Debatte gezeigt, dass sie nicht für jede Lebenssituation gleich gut geeignet war – etwa aufgrund der Kostenstruktur einzelner Verträge oder der garantieorientierten Ausrichtung, die in Zeiten niedriger Zinsen weniger Renditechancen bot. Der Gesetzgeber reagiert nun mit einer grundlegenden Reform der privaten Altersvorsorge, deren Kernstück das Altersvorsorgedepot ist. Der Bundestag hat die Reform im März 2026 beschlossen, der Bundesrat stimmte im Mai 2026 zu.
Was ist das Altersvorsorgedepot?
Anders als bei klassischen Rentenversicherungen legen Sparerinnen und Sparer ihr Geld beim Altersvorsorgedepot direkt am Kapitalmarkt an – vor allem in ETFs und Fonds. Dabei haben Sie die Wahl zwischen verschiedenen Varianten: dem freien Altersvorsorgedepot, bei dem Sie eigenverantwortlich und ohne Beitragsgarantie investieren und dafür voll an den Chancen des Kapitalmarkts teilhaben, den Garantieprodukten mit Beitragsgarantien von 80 bzw. 100 Prozent für alle, die auf Sicherheit setzen, sowie dem Standarddepot, einer Art Basisprodukt aus zwei Wertpapieren unterschiedlicher Risikoklassen für alle, die ihre Geldanlage nicht selbst im Detail steuern möchten. Das Kapital bleibt bis zum Rentenbeginn gebunden, die Auszahlung erfolgt frühestens dann – dafür profitieren Sparerinnen und Sparer während der gesamten Ansparphase von einem entscheidenden Steuervorteil: Auf Gewinne und Dividenden fällt keine laufende Abgeltungssteuer an. Das Kapital bleibt vollständig investiert und kann so den Zinseszinseffekt voll ausschöpfen.
Wie hoch ist die staatliche Förderung?
Der Staat unterstützt das Sparen fürs Alter mit einer beitragsabhängigen Förderung: 50 Prozent Förderung auf Einzahlungen bis 360 Euro pro Jahr, 25 Prozent Förderung auf Einzahlungen zwischen 360 und 1.800 Euro pro Jahr. Damit sind bis zu 540 Euro Grundzulage pro Jahr möglich, zusätzlich bis zu 300 Euro Kinderzulage pro Kind und Jahr. Eingezahlt werden können jährlich bis zu 6.840 Euro – oberhalb von 1.800 Euro gibt es zwar keine direkte Zulage mehr, dafür bleibt der Steuerstundungseffekt erhalten. Wer diesen Vorteil maximal ausschöpfen möchte, kann laut Gesetz sogar zwei Verträge parallel führen und so sein jährliches Einzahlungsvolumen auf bis zu 13.680 Euro verdoppeln. Auch Selbstständige profitieren erstmals von den staatlichen Zuschüssen – ein deutlicher Unterschied zur bisherigen Riester-Förderung.
Was passiert mit bestehenden Riester-Verträgen?
Wer bereits einen Riester-Vertrag besitzt, muss jetzt nicht vorschnell handeln: Bestehende Verträge genießen vollen Bestandsschutz und behalten ihre bisherige Förderung – aktuell maximal 175 Euro Grundzulage sowie bis zu 300 Euro pro Kind und Jahr. Eine Kündigung ist also nicht erforderlich, und für viele Sparerinnen und Sparer, insbesondere bei langer Vertragslaufzeit und bereits eingezahlten Beiträgen, kann es weiterhin sinnvoll sein, den bestehenden Vertrag einfach fortzuführen. Ab 2027 können lediglich keine neuen Riester-Verträge mehr abgeschlossen werden. Ob eine Fortführung des bestehenden Vertrags oder eine Übertragung des angesparten Guthabens in das neue Altersvorsorgedepot im individuellen Fall vorteilhafter ist, hängt von der jeweiligen Vertragssituation ab und sollte am besten in Ruhe und im persönlichen Gespräch geprüft werden – nicht überstürzt entschieden werden.
Für wen lohnt sich das Altersvorsorgedepot?
Besonders interessant ist das neue Modell für alle, die langfristig und renditeorientiert für den Ruhestand vorsorgen möchten, die bereit sind, für höhere Renditechancen auf eine Beitragsgarantie zu verzichten, die als Selbstständige bisher kaum von staatlicher Förderung profitieren konnten, oder die als Familie mit Kindern die zusätzliche Kinderzulage nutzen wollen. Wer hingegen größten Wert auf Sicherheit legt, findet mit den geplanten Garantievarianten weiterhin eine Möglichkeit, staatlich gefördert und dennoch mit reduziertem Risiko vorzusorgen. Und wer bereits einen laufenden Riester-Vertrag hat, für den kann es je nach Laufzeit, eingezahlten Beiträgen und persönlicher Lebenssituation nach wie vor die passende Lösung sein, diesen einfach weiterzuführen, statt zu wechseln.
Warum eine individuelle Beratung wichtig ist
So attraktiv das Altersvorsorgedepot auf den ersten Blick klingt: Ob und in welcher Form es für Sie persönlich sinnvoll ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Ob freies Depot, Standarddepot oder eine der Garantievarianten die richtige Wahl ist, hängt von ganz individuellen Faktoren ab – etwa vom Alter, vom Anlagehorizont bis zur Rente, von der persönlichen Risikobereitschaft, der familiären Situation sowie davon, ob bereits andere Vorsorgeformen wie eine betriebliche Altersvorsorge oder ein bestehender Riester-Vertrag vorhanden sind. Auch die Frage, ob eine Übertragung eines laufenden Riester-Vertrags ins neue Depot sinnvoll ist, lässt sich nur im Einzelfall beantworten. Eine unabhängige Beratung durch eine Finanzberaterin, einen Finanzberater oder eine Verbraucherzentrale hilft dabei, die eigene Ausgangslage realistisch einzuschätzen und die Vor- und Nachteile der verschiedenen Varianten im persönlichen Kontext abzuwägen – bevor eine langfristige, oft über Jahrzehnte laufende Entscheidung getroffen wird. Wer erst nach Vertragsabschluss feststellt, dass ein anderes Modell besser gepasst hätte, kann das häufig nur mit Verlusten oder gar nicht mehr korrigieren.
Ein Punkt, den Sie im Blick behalten sollten
So attraktiv die Förderung klingt: Die tatsächliche Rendite hängt stark von den Depotkosten ab. Über einen Anlagehorizont von 20, 30 oder mehr Jahren können hohe Gebühren einen erheblichen Teil der staatlichen Förderung und der Marktrenditen wieder auffressen. Ein genauer Blick auf die Kostenstruktur des jeweiligen Anbieters lohnt sich also in jedem Fall.
Fazit
Mit dem Altersvorsorgedepot bringt der Gesetzgeber ab 2027 ein weiteres, kapitalmarktnahes Vorsorgeprodukt an den Start, das mehr Flexibilität, höhere Renditechancen und eine attraktive staatliche Förderung bietet – auch für Selbstständige und Familien. Das bedeutet aber nicht, dass die Riester-Rente per se die schlechtere Wahl war oder ist: Ob ein bestehender Riester-Vertrag fortgeführt oder ein neues Altersvorsorgedepot abgeschlossen werden sollte, war und ist immer eine Frage der individuellen Situation. Wer schon heute plant, sollte deshalb nicht vorschnell handeln, sondern sich in Ruhe und im persönlichen Gespräch über die für die eigene Situation passende Variante informieren.
Hinweis: Die genannten Eckdaten basieren auf dem aktuellen Stand der Gesetzgebung (Stand: Sommer 2026). Da die endgültige Zertifizierung der Produkte noch aussteht, können sich im Detail noch Änderungen ergeben.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche Beratung. Sprechen Sie uns gerne an, wenn Sie eine Frage zu Ihrer konkreten Situation haben.